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Neu ! - Tur Abdin (Suryoye) Lexikon von A bis Z - Neu !  weiter...
INTERNATIONALE PRESSEBERICHTE

 

 

Datum Anlass / Link / Bericht Quelle
31.August 2008 Aufregung um „Moschee“ in christlichem Dorf
Sare/Hazak - Der Mufti (islamischer Rechtsgelehrte) der Bezirksstadt Hazak sorgt für Aufregung. Er kam am 9. Juli 2008 nach Sare und diskutierte mit dem christlichen Bürgermeister über das Haus, das zur Zeit der Besetzung des Dorfes durch muslimische Dorfw ächter (Mitte der 1990er Jahre bis 2004) als Moschee genutzt wurde. Er beschuldigte die Bewohner, sich nicht um diese Moschee zu kümmern. Der Bürgermeister erwiderte, dass nur Christen in Sare leben und das als Moschee bezeichnete Gebäude ein altes Haus sei, das unrechtmäßig in eine Moschee umgewandelt worden war.
Quelle: http://www.dioezese-linz.at/einrichtungen/ico/Aktuelles.pdf
ICO - INFORMATION CHRISTLICHER ORIENT
Juli 2008 Der gesellschaftliche Druck auf die christliche Minderheit im Südosten der Türkei nimmt zu. Doch es gibt auch Anlass zur Hoffnung.

Pfarrer Yusuf Akbulut empfängt uns an diesem lauen Juni-Abend mit offenen Armen. Das Zusammentreffen ist herzlich. Wir haben ein bisschen Zeit füreinander, setzen uns hin und tauschen bei einer Tasse Chai (Tee) Erinnerungen aus: Über die zähen und unfairen Gerichtsverhandlungen, die der syrisch-orthodoxe Priester erdulden musste, zum Beispiel.

Pfarrer Yusuf Akbulut (mitte) mit dem Dorfvorstand Sare e.V. in Ankara
Pfarrer Yusuf Akbulut (2.v.l)  mit den Vorstandsdelegierten von Sare e.V

Und über seinen Freispruch im April 2001 – mehr als 5.000 Hoffnungszeichen-Freunde hatten sich in einer überwältigenden Protestaktion für den sympathischen Geistlichen eingesetzt. Während des Gespräches bemerke ich immer wieder, wie Yusuf Akbulut die Stirn in Falten legt, wenn er erzählt, wie es ihm und seiner nur noch 30-köpfigen Gemeinde geht. Er sieht besorgt aus. Das gibt er auf meine Nachfrage hin auch zu: „Ich habe Angst“

Schwierigkeiten über Schwierigkeiten

Yusuf Akbulut hat als Vertreter einer christlichen Minderheit einen schwierigen Stand in einem sich scheibchenweise radikalisierenden islamischen Umfeld. Schwierigkeiten, die auch viele andere Christen in der südöstlichen Türkei nur zu genau kennen: Wenn man über die Straße geht und als „Ungläubiger“ beschimpft wird, wenn die eigenen Kinder als Christen in den islamischen Religionsunterricht gehen müssen, weil sie praktisch keine andere Chance haben, ihren Schulabschluss zu machen. Oder wenn plötzlich der Weinberg, die Felder in Flammen stehen und so die wirtschaftliche Grundlage für das karge Leben verloren geht.

Angst hat der Mönch, den wir im Kloster Mor Yacub besuchen, nicht. Und das, obwohl er erst vor ein paar Monaten entführt worden war. Kriminelle wollten 300.000 Euro Lösegeld erpressen. Am 28. November 2007 hatten ihn drei bewaffnete Männer verschleppt. Zwei Tage später konnte Bruder Daniel entkommen. Er bemerkt trocken und mit entwaffnender Offenheit: „Ihr Plan war nicht ausgereift.“ Ob er denn angesichts der Bedrohung durch Waffen nicht doch ein wenig Angst gehabt habe, frage ich ihn. „Sie hätten vielleicht meinen Leib töten können, aber nicht meine Seele. Das weiß ich, seit ich vor zwanzig Jahren die Mütze des Mönchs angezogen habe“ antwortet Bruder Daniel mit ruhiger Stimme.


Mönch Daniel Savci hat seinen Entführer schon in seiner Gefangenschaft vergeben. Am 28. November 2007 wurde er verschleppt.

Christen im Tur Abdin

Im Großraum der heutigen Südosttürkei lebten bis 1915 über eine Million Christen. Heute existieren dort nur noch rund 3.000 Christen. Die über lange Jahre anhaltende Unterdrückung der christlichen Minderheit in der Südosttürkei hat bis Ende der 80er Jahre zu einem Massenexodus geführt: türkische Armee und Aufständische der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) kämpften auch im Tur Abdin, dem Berg der Knechte Gottes. Die Christen gerieten dabei zwischen die Fronten.  

Grund zur Hoffnung

Vor dem Hintergrund all dieser Schwierigkeiten kann es kaum verwundern, dass viele Christen, mit denen ich im Juni in der Türkei gesprochen habe, resignieren, keine Zukunft mehr für sich und ihre Kinder sehen. 

Der Bürgermeister von Sare Fikri Turan und Hanna Eyyi vom Vorstand Sare e.V

Doch es gibt auch eine andere Seite: Menschen, die Visionen haben und die bereit sind, diese Visionen umzusetzen. Im Kleinen macht das Fikri Turan, der Bürgermeister des christlichen Dorfes Sare. Nach einer großangelegten Protestaktion, an der sich viele Hoffnungszeichen-Leser beteiligt hatten, konnten im Oktober 2004 die Christen wieder in ihr Dorf einziehen, das bis dahin von muslimischen Paramilitärs besetzt war.

Der Bürgermeister von Sare, Fikri Turan

Der Tur Abdin braucht Menschen wie ihn: Bürgermeister Fikri Turan erläutert die Pläne, die er für sein christliches Dorf Sare hat.

Der Bürgermeister ist der einzige, der permanent in Sare lebt. Viele andere Familien kommen für ein paar Monate, bauen an ihren Häusern, gehen wieder für ein paar Wochen nach Deutschland oder Schweden zurück, um dann wieder für ein paar Monate in ihrer Heimat zu leben. Nun will Fikri Turan auch Familien mit Kindern nach Sare holen, denn Kinder sind die Zukunft des Christentums in diesem Landstrich, den die Christen Tur Abdin (Berg der Knechte Gottes) nennen. Fieberhaft arbeiten er und seine Helfer momentan daran, Kanalrohre zu installieren. Auch die Stromleitungen müssen verbessert werden. Zeitlich ein bisschen weiter weg sind noch die großen Pläne des Fikri Turan: „Wir wollen eine Tankstelle an die Straße bauen, ein kleines Hotel. Vielleicht können wir auch einen Handel mit Solarzellen aufbauen.“

Ermutigend ist es auch, wenn Christen in diesen Umständen nach vorne denken, das Leben in die Hand nehmen. So ein anpackender Mensch ist auch Erzbischof Philoxenos Saliba Özmen, der seinen Sitz im 1500 Jahre alten Safran-Kloster nahe der Stadt Mardin hat. Er öffnet zurzeit das Kloster nach außen, lässt es reparieren, erschließt dazu Finanzquellen der Europäischen Union, hat einen Souvenirladen gebaut. 

Ein Kirchenmann, der seine Visionen in die Tat umsetzt: Erzbischof Saliba packt an und lenkt die Geschicke seines Safran-Klosters mit Weisheit und Weitblick

Und ein Besuchercafé. So wird dieses wunderschöne Kloster zu einem Anziehungspunkt, dessen kulturellen und touristischen Wert auch die muslimischen Nachbarn zu schätzen wissen. 

Das Safran Kloster in der Nähe von Mardin wirkt auf den ersten Blick wie eine Schutzburg. Bischof Saliba öffnet das Kloster aber nach außen und weckt so das Interesse für christliche Werte in der Öffentlichkeit.

Bischof Salibas neuestes Projekt: In der trockenen steinigen Umgebung des Klosters will er 100.000 Bäume pflanzen – Tröpfchenbewässerung inklusive: Kiefern, Eichen und Zypressen, Mandel-, Pistazien-, Oliven-, Granatäpfelbäume und Weinreben sollen nach dem Wunsch des freundlichen und dynamischen Kirchenmannes die wirtschaftliche und ökologische Basis des Klosters stärken. So wird jede Pflanze, jeder Baum zu einem Zeichen der Hoffnung für die Christen im Tur Abdin.

Quelle: 

Klaus Stieglitz
Menschenrechtsbeauftragter
http://www.hoffnungszeichen.de/protest_tuerkei.html


Klaus Stieglitz
25.09.2004 Feierliche Übergabe im Jahr 2004 durch den Gouverneur von Sirnak
Abb. Feierliche Übergabe des Dorfes durch den Gouverneur von Sirnak an Dibo S. Turan Abb. Feierliche Übergabe des Dorfes durch den Gouverneur von Sirnak an Dibo S. Turan

Quelle: Pressebericht "Hürriyet"

Mai/Juni 2008

Wir stellen vor: Das Dorf Sare


Ein Jahrzehnt besetzt
: Im Kampf gegen die PKK wurden in Sare Mitte der 1990er Jahre muslimische .Dorfwächter. angesiedelt, die erst 2004 abzogen. Seither wohnen wieder Christen in Sare. ICO sprach mit Bürgermeister Fikri Turan (53) und seinem Cousin Suleyman (65) über die jahrelangen Bemühungen um Räumung und Wiederbesiedelung ihres Dorfes.

 

ICO - INFORMATION CHRISTLICHER ORIENT

ICO - Initiative Christlicher Orient und Freunde des Tur Abdin

Hier Info über: Hans Hollerweger

 

2005 Besetzung des Dorfes Sare (Gawayto) in der Provinz Sirnak
1994 verließen die letzten christlichen Bewohner das Dorf Sare (türkisch Sariköy) in der Provinz Sirnak (Südosttürkei). Früher lebten in Sare über 30 syrisch-orthodoxe Familien. Seither halten die so genannten Dorfschützer eine paramilitärische Gruppe von Kurden im Dienste des Militärs im Kampf gegen die PKK – in Einvernehmen mit dem Militär Sare besetzt. Das Dorf liegt strategisch an einer wichtigen Durchgangsstraße, weshalb es vom Militär als "kleiner Wachposten" gegen die PKK benutzt wurde. Nach und nach zogen die Familien der Dorfschützer ein; inzwischen bewohnen etwa 30 Familien die verlassenen Häuser der Christen.

Mit der Befriedung des Südostens stieg auch das Interesse der frühren Bewohner von Sare, zurückzukehren; doch die Dorfschützer verweigern ihnen der Zugang und widersetzen sich vehement einer Räumung des Dorfes. Verweise auf das erwähnte Dekret von Ecevit verhallen wirkungslos. Im Mai 2004 hat der Gouverneur (Vali) von Sirnak, Osman Günes, eine Verordnung erlassen, wonach die Dorfschützer Sare verlassen müssen. Trotz Verstreichens von zwei Ultimaten (letzteres am 14. Juli) weigert sich das Militär nach wie vor, den Erlass des Gouverneurs umzusetzen. Die Dorfschützer werden offensichtlich vom Militär zum Verharren ermutigt und scheuen sich nicht, die Bewohner des christlichen Nachbardorfes Bsorino (türkisch Haberli) einzuschüchtern. Osman Günes wurde sogar in Ankara vorstellig, um die Rückgabe von Sare an ihre rechtsmäßigen Bewohner voranzutreiben.

Der Fall hat inzwischen hohe Aufmerksamkeit erlangt. Der höchste EU-Repräsentant in der Türkei, Hans-Jörg Kretschmar, sowie die Deutsche Botschaft in Ankara sind bereits auf das Problem aufmerksam gemacht worden. GfbV-Generalsekretär Tilman Zülch hat in einem Schreiben an die türkischen Außen- und Innenminister vom 24. Juni 2004 gefordert, alles mögliche zu tun, um die Räumung des Dorfes Sare zu beschleunigen und den christlichen Bewohnern die Rückkehr zu ermöglichen. Die türkische Tageszeitung Zaman berichtete am 12. Juli 2004 über den Fall und zitiert den Brief des GfbV Generalsekretärs an die türkischen Minister.

Nach langen juristischen Auseinandersetzungen sind die Bewohner des Dorfes Sare im Kreis Idil (Sirnak) nun in der Lage, wieder zurückzukehren.
Quelle: Gesellschaft für bedrohte Völker 
Quelle: Gesellschaft für bedrohte Völker
Januar 2007 Politik Türkei: Hoffen auf Gott und die EU

Türkei: Christen dürfen den Gottesdienst besuchen, doch die Kirchen sind rechtlos Jürgen Wandel

Wer mit offenen Augen und Ohren durch die Türkei reist, entdeckt: Von dem, was Europäer heute unter Menschenrechten und Religionsfreiheit verstehen, ist das Land noch weit entfernt.

Die beiden Kleinbusse rumpeln die schmale Bergstraße hoch. Rechts und links sind – soweit das Auge reicht – verkohlte Baumstümpfe zu sehen. Vor einem Jahr standen hier noch Wein-stöcke, dort erhoben sich Obstbäume. Dann vernichtete ein Feuer die Lebensgrundlage der 135 Bewohner von Bsorino und Sare, zwei syrisch-orthodoxen Dörfern im osttürkischen Tur Abdin.

zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft
September 2006 Der Tur Abdin zwischen Aufbruch, Unsicherheit und Angst Erster Teil des Berichtes

Eindrucke, Beobachtungen und Begegnungen von einem Besuch im Tur Abdin. Pfarrer i.R. Horst Oberkampf,

 

Solidaritatsgruppe Tur Abdin, Bad Saulgau
Juni 2005 Bombenanschlag auf rückkehrwillige assyrisch-aramäische Christen in der Türkei
 

Göttingen, 09. Juni 2005

Auf drei assyrisch-aramäische Rückkehrer ist am vergangenen Montag im Tur Abdin, im Südosten der Türkei, ein Bombenanschlag verübt worden. Verletzt wurde niemand. Der Generalsekretär der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen, Tilman Zülch, verurteilte das Attentat am Donnerstag als "feigen Anschlag nicht nur gegen die gesamte Religionsgemeinschaft der christlichen Assyro-Aramäer in der Türkei, sondern auch gegen die Initiative der Regierung unter Recep Tayyip Erdogan, die Rückkehr der Assyro-Aramäer aus ihrem westeuropäischen Exil in den Tur Abdin zu dulden und zu unterstützen".

Die drei Christen - ein syrisch-orthodoxer Priester, ein Geschäftsmann aus Deutschland und der Bürgermeister von Harabale - waren mit ihrem Fahrzeug von Harabale (türkisch Ücköy) nach Kafro (türkisch Elbegendi) unterwegs, als direkt vor ihnen eine ferngezündete Bombe explodierte. Sie konnten sich unverletzt aus dem Wagen befreien.

Nachdem von 1984 an fast alle assyrisch-aramäischen Christen im Laufe des türkisch-kurdischen Krieges aus dem Tur Abdin vertrieben worden waren oder fliehen mussten, hatten sie in den vergangenen beiden Jahren wieder Hoffnung auf Rückkehr geschöpft. Die Situation im Südosten der Türkei hat sich im Zuge der Reformen verbessert.

Im Juni 2001 hatte der damalige Ministerpräsident Bülent Ecevit rückkehrwillige christliche Assyrer-Aramäer in einem Rundschreiben dazu eingeladen, wieder in ihre Heimat zu ziehen. Mitte der 80er Jahre lebten noch rund 65.000 assyrisch-aramäische Christen im Tur Abdin.

In dem Dorf Kafro (türkisch Elbegendi) stehen bereits 17 neue Häuser. Sie sind fast bezugsfertig. Rund 70 Personen aller Altergruppen aus verschiedenen europäischen Staaten wollen dort am 1. September 2005 einziehen, wenn die zuständigen Behörden die Installation der notwendigen Infrastruktur wie Wasser, Strom und Kanalisation nicht weiter hinauszögert. In den im Jahr 2003 vom Militär freigegebenen Dörfern Sederi, Harabemishka, Badibe, Arbo und Ehwo laufen an einzelnen Häusern bereits Renovierungsarbeiten, etliche Familien planen eine Rückkehr. Auch in dem Ort Sare (türkisch Sariköy) wurde mit Bau- und Sanierungsarbeiten begonnen, nachdem das Militär den Ort im September 2004 zwangsgeräumt hatte. Dort waren Kurden – so genannte Dorfschützer mit ihren Familien – angesiedelt worden, die die Kämpfer der radikalen kurdischen Arbeiterpartei PKK von strategisch wichtigen Punkten fernhalten sollten.

Die Türkei sollte alles unternehmen, um den Christen die Rückkehr zu erleichtern, sagte Zülch, "denn sie werden westeuropäisches Know-how in den Südosten der Türkei mitbringen. Mit der Rückkehr sind auch Investitionen verbunden, die zur Schaffung von Arbeitsplätzen und damit zum Aufbau dieser Region beitragen."

Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV)
30.06.2005 Syrische Christen unter DruckKampagne

Syrische Christen unter DruckKampagne islamischer Kräfte: Die Türkei muss zeigen, dass sie die Religionsfreiheit wirklich will

Anfang dieses Monats explodierte in der Nähe des syrisch-orthodoxen Erzbischofssitzes im Kloster Mar Gabriel im Südosten der Türkei eine Landmine unter einem Fahrzeug. Syrische Christen, die sich auf Grund der türkischen Aussichten auf einen Beitritt zur Europäischen Union eine Mäßigung des Drucks der Regierung in Ankara auf ihre Kirche erhofft hatten, sind verstört. Einige sprechen bereits von einer sich immer stärker entwickelnden Kampagne islamischer Kräfte in der Regierung von Ministerpräsident Erdogan gegen die Christen im Lande. Am Rande eines Dorfes bei Midyat, nicht allzu weit von Mar Gabriel entfernt, von wo Erzbischof Timoteus Samuel Aktas eine der drei türkischen Erzdiözesen der syrisch- orthodoxen Kirche leitet, haben etwa dreißig islamisch-kurdische Familien ein altes Gemäuer besetzt und mit einem bleistiftspitzen Minarett versehen.

 Es fungiert seither als ihre Moschee, obwohl es seit mindestens zweihundert Jahren der örtlichen Gemeinde der Syrisch-Orthodoxen ("Syriacs") als ihre Marienkirche gedient hat. Trotz Protesten schweigen türkische Regierungsstellen über diesen Vorgang. Zur syrisch-orthodoxen Kirche zählen mehr als drei Millionen Gläubige, von denen etwa 750 000 indische Christen sind. Durch Auswanderung leben heute viele syrische Christen in Amerika und Westeuropa. Andere sind aus ihren traditionellen Siedlungsgebieten in Südostanatolien nach Istanbul, der Weltstadt am Bosporus übersiedelt, wo sie weniger auffallen und wohl auch mehr Schutz genießen. Das Patriarchat der "Syriacs" war 1924 von seinem jahrhundertealten Sitz in Tur Akdin in die syrische Großstadt Homs und schließlich 1959 in die Hauptstadt Damaskus verlegt worden. Kirchenoberhaupt ist seit 1980 Mor Ignatius Zakka I. Bei den Völkermorden von 1915 in der osmanischen Türkei, deren Opfer vor allem (christliche) Armenier waren, wurden auch mindestens 500 000 syrisch-orthodoxe Christen umgebracht. Die Bemühungen der Türkei um den Beitritt zur Europäischen Union haben den Christen im Lande eine Reihe von Erleichterungen verschafft. Gesetze, die Christen die Reparatur ihrer Kirchengebäude verboten, wurden zurückgenommen.

Dies erlaubte beispielsweise den Syriacs die großzügige Renovierung ihres Metropolitan- Klosters Mar Gabriel. Das Parlament in Ankara erließ auch ein Gesetz, das es nicht- muslimischen "Stiftungen" (religiöse rechtliche Einheiten) gestattet, Land zu erwerben. Dessen ungeachtet gibt es inzwischen einen Rechtsstreit über die Veräußerung von Land durch eine islamische Stiftung (wakf), das die Syriac-Kirche als ihr Eigentum betrachtet. Diese schickte umgehend eine Petition an das Ministerium für religiöse Angelegenheiten in Ankara, das darauf seit Monaten nicht geantwortet hat. Die Kirche der "Syriacs" entstand in frühchristlicher Zeit, fast tausend Jahre bevor die ersten Türken nach Kleinasien kamen.

Der Umgang der Türkischen Republik mit ihr und anderen christlichen Gemeinschaften ist ein wichtiger Test für die Frage, ob das Land den Begriff Religionsfreiheit inzwischen wirklich versteht. Nachdem durch den Ausgang der Volksbefragungen in Frankreich und Holland zum europäischen Verfassungsvertrag die Chancen der Türkei für eine baldige Aufnahme in die Europäische Union schwinden, ist eine Verhärtung der türkischen Haltung gegenüber den christlichen Kirchen nicht auszuschließen.Autor: KLAUS WILHELM PLATZ 

Die Tagespost

Tagespost
Juli 2004 Deutscher Bundestag Schriftliche Fragen mit den in der Woche vom 12. Juli 2004 eingegangenen Antworten der Bundesregierung Deutscher Bundestag
20.11.2004 Neue Zürcher Zeitung, 20.11.2004, Nr. 272, S. 6

Im Tur Abdin, dem "Berg der Knechte Gottes" in Südostanatolien, hat die Perspektive eines EU-Beitritts der Türkei eine Aufbruchstimmung ausgelöst. Nach Jahrzehnten des Exils in Westeuropa planen christliche Assyrer die Rückkehr in die Heimat. Sie wollen dafür kämpfen, dass ihre alte Kultur im Zweistromland erhalten bleibt.

Mor Gabriel, Ende Oktober
Barson Ok reckt seinen klein gebauten, zierlich wirkenden Körper in die Höhe und richtet den Finger auf einen fernen Punkt weit weg am Horizont. "Sehen Sie", sagt er, "so weit reicht der Besitz unseres Dorfes. Sari war ein reiches Dorf." Der ältere Herr zeigt auf eine weite Hügellandschaft, in der rundum die Weinreben gelbbraun und der Wald aus Steineichen fast olivgrün in der Oktobersonne schimmern. Das Eichenholz, die Obstgärten und die Viehzucht bedeuteten Wohlstand.

Ausweisung der kurdischen Dorfschützer

Sari - Sariköy heisst das Dorf in der Provinz Sirnak auf Türkisch - machte Schlagzeilen in der türkischen Presse, als Anfang Oktober die Armee in einer symbolträchtigen Zeremonie die Ortschaft ihren rechtmässigen Besitzern übergab. Kurz zuvor hatten Dutzende von Soldaten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die kurdischen Dorfschützer, die Sari seit über einem Jahrzehnt besetzt hielten, mit Gewalt vertrieben.

Der Fall überraschte die Bevölkerung Südostanatoliens, weil die Dorfschützer jene staatstreuen Kurden sind, die seit den achtziger Jahren von der türkischen Armee mit Waffen ausgerüstet wurden, um gegen die Rebellen der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) zu kämpfen. Die Dorfschützer waren gewohnt, in dieser Region Straffreiheit zu geniessen. Mit ihrer Vertreibung aus Sari aber signalisierte Ankara, dass die im Hinblick auf einen EU-Beitritt forcierten Reformen diesmal nicht nur im Westen des Landes umgesetzt werden müssten, sondern auch im Osten.

"Berg der Knechte Gottes"

Sari liegt in majestätischer Landschaft auf einem Hochplateau aus Kalkstein, das sich von Mardin aus in Richtung Osten bis tief ins biblische Tigris-Tal erstreckt. Als "Land des Steins und des Glaubens" ist die Region bei den Muslimen bekannt. Ihre Städte und Dörfer sind nämlich aus dem beige-weissen Kalkstein des Hochplateaus gebaut, und die Menschen, die darin wohnen, sind tief religiös.
Als Tur Abdin kennt man das Plateau unter den Christen - als "Berg der Knechte Gottes". Der Name geht zurück auf die Mitte des fünften Jahrhunderts, als im Oberen Mesopotamien die Kultur der syrisch-orthodoxen Christen eine Blüte erlebte. Damals entstanden hier Dutzende von berühmten Klöstern mit Tausenden von Mönchen und Einsiedlern. Sie waren Monophysiten; sie predigten, dass der Messias nur Gott sein könne und dass deshalb die Behauptung der oströmischen Theologen von einer menschlich-göttlichen Doppelnatur Christi nichts anderes sei als Gotteslästerung. Heute bezeichnen sich die Christen des Tur Abdin als Assyrer oder Aramäer.

Leuchtendes Kreuz und Glocke

Sari war ein rein assyrisches Dorf. Barson Ok flüchtete in den siebziger Jahren in die Bundesrepublik Deutschland, weil damals der Druck der kurdischen Stämme auf die christlichen Restgruppen der Osttürkei gross war und der Staat keinen Schutz bot. In Deutschland wurde der Emigrant erfolgreicher Geschäftsmann und baute eine neue Existenz auf. "Unsere Kultur kann aber nur in der Heimat überleben", sagt er entschlossen.
Der Siebzigjährige beaufsichtigt jetzt die Renovation von sechs Häusern. Kurdische Arbeiter sind damit beschäftigt, die Aussenmauern der alten Steinbauten auszubessern, die Zimmer zu streichen und die Gassen von Schmutz und Schlamm freizulegen. Die halb zerstörte Kirche soll bald wieder für Gottesdienste hergerichtet sein. Ein Kreuz, das in der Nacht leuchtet, und eine Glocke sind bestellt. Wenn es nach Oks Plänen geht, sollen noch im November fünf assyrische Familien aus Deutschland in Sari einziehen. Es wäre wohl das erste Mal in der Geschichte dieser kleinen christlichen Minderheit, dass die Wanderung nicht in die Fremde, sondern in die Heimat zurückführt.

Festung des Glaubens und der Kultur

Knapp zwanzig Kilometer nordwestlich von Sari befindet sich das heute wichtigste Kloster der assyrischen Christen der Türkei, Mor Gabriel. Von der Strasse aus sieht es wie eine uneinnehmbare Burg aus. Eine drei Meter hohe, angeblich sechs Kilometer lange Mauer umringt ein Areal mit sorgsam gepflegten Obst- und Gemüsekulturen sowie Weideflächen. Das Doppelkloster soll schon im Jahr 395 gegründet worden sein, als im Oberen Mesopotamien Aramäisch die offizielle Sprache und das Christentum die gültige Religion war. Das Aramäische, eine semitische Sprache, wird von den wenigen Christen Ostanatoliens noch gesprochen. Es bildet den Grundstein ihrer Identität und ist in Mor Gabriel Liturgie- sowie Alltagssprache.
Beim Haupteingang des Klosterkomplexes treffen die Assyrer der Region mit den Gästen aus Europa zusammen. Wie viele Christen im Südosten der Türkei noch leben, weiss niemand genau zu sagen. Ihre Zahl wird von der Männerrunde auf etwa 2000 geschätzt. Die Assyrer hätten die Gleichung "Christ ist Christ" bitter bezahlt, sagen hier die Männer. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts seien sie zusammen mit den Armeniern Opfer der Christenverfolgungen geworden, als der Krieg zwischen dem auseinander bröckelnden Osmanischen Reich und den in der Region vorrückenden europäischen Grossmächten zuletzt im Oberen Mesopotamien in einen Krieg zwischen Muslimen und Christen ausartete. Kurden hätten damals Tausende von Christen ermordet.

"Sorgt euch um eure Dörfer!"

Mitte der fünfziger Jahren sei der Zypern-Konflikt den Assyrern zum Verhängnis geworden, weil sie mit den Zypern-Griechen den orthodoxen Glauben teilten. Die massive Auswanderung der Christen habe aber in den siebziger Jahren eingesetzt. Viele seien damals aus wirtschaftlichen Gründen nach Westeuropa gegangen, andere auch darum, weil halb arabisierte Kurden, die Mahallami, mit Überfällen auf christliche Dörfer der Südosttürkei sich für das Schicksal der Palästinenser in Libanon rächen wollten. Nichts habe aber die christlichen Dörfer so entvölkert wie der Krieg zwischen den kurdischen PKK-Rebellen und der türkischen Armee in den letzten zwei Jahrzehnten.

In einem geräumigen Saal des Klosters empfängt der Metropolit und Abt des Klosters, Timotheus Samuel Aktas, allabendlich seine Gäste zu einem Gespräch. Er zog 1961 als junger Mann in Mor Gabriel ein, um Mönch zu werden. Er wurde Zeuge davon, wie im letzten halben Jahrhundert die Assyrer aus ihrer Heimat flüchteten und ihre Dörfer verliessen. Vor allem die Erinnerung an die neunziger Jahre ist bitter. Damals sei er von einem Dorf zum anderen gewandert und habe die Gläubigen angefleht, ihre Heimat nicht zu verlassen, sagt der Metropolit. Er habe den Aderlass aber nicht verhindern können. Am Schluss der neunziger Jahre schien das Ende der assyrischen Kultur im Tur Abdin unausweichlich.

Der Metropolit hat einen langen, grauen Bart und warme, listige Augen. Die Zeiten hätten sich gebessert, sagt er in bestimmtem Ton. Die Armee und die Ämter seien heute den Christen wohlgesinnt. Seine Hoffnung schöpfe er aber mehr von der Jugend. Die jugendlichen Christen wie auch die Muslime seien heute besser ausgebildet und deshalb weniger fanatisiert. Zudem werde die Türkei durch die Europäische Union auf rechtsstaatliche Prinzipien und Religionsfreiheit verpflichtet - das wirke auch in dieser entlegenen Region. Aktas ist noch zurückhaltend. Er könne seinem Volk nicht sagen: "Kehrt zurück!" Er sage nur: "Sorgt euch um eure Dörfer!"

Bedrohte Sprache

Was dem Metropoliten quälende Sorgen bereitet, ist der drohende Untergang der aramäischen Sprache. Die Kinder der Assyrer besuchen die öffentlichen Schulen; aramäischen Unterricht gibt es dort nicht. Nach der massiven Emigrationswelle der letzten Jahrzehnte wachsen die Kinder der Assyrer in einer vorwiegend türkisch- oder kurdischsprachigen Umgebung auf. Kann die Sprache - nach Auffassung der Assyrer die Sprache, die Christus selbst sprach - noch gerettet werden?
In Mor Gabriel werden rund 40 Schüler nachmittags und sonntags in der Liturgiesprache unterrichtet. Der Gesang ihrer jugendlichen Stimmen dringt am frühen Sonntagmorgen durch die dicken Mauern der Hauptkirche. Drinnen flackern ein paar Kerzen und werfen ein diffuses Licht auf die zehn Nonnen, die sich im Hintergrund halten. Die Kirche wurde vor kurzem sorgsam renoviert. Vor ihr sind junge Olivenbäume angepflanzt, und um den Hof herum wurden neue Gästezimmer gebaut. Die Bewilligung für die Renovation hatte sich um Jahre verzögert; dass sie dann endlich eintraf, war wohl auch ein Zeichen guten Willens aus Ankara.

Ruinen und Neubauten

Kafro ist ein 1500 Jahre altes Dorf mit einer Grossbaustelle. Im Laufe der letzten zwölf Monate sind neben Ruinen 14 neue, dreistöckige Häuser entstanden - ein Pilotprojekt. Im alten Kafro lebten 40 Familien; die letzten zogen 1995 weg, wie Gabro Demir in tadellosem Deutsch erklärt. Er war 1977 nach Deutschland gezogen, kehrte vor zwei Jahren aber in die Heimat zurück. Bis September 2005 soll hier das neue Kafro bereit sein, erklärt der hagere Mann stolz. Die Häuser von Neukafro sind traditionsgemäss wie Wehrburgen aus dem weissen Kalkstein des Tur Abdin gebaut.
Anders als im alten Kafro soll es im neuen den künftigen Bewohnern aber an nichts mehr fehlen. Jedes Haus ist mit 250 Quadratmetern Wohnfläche übermässig gross, verfügt über Balkone in alle Richtungen und über geräumige Zimmer. Die Initianten des Pilotprojekt hätten ganz bewusst die Häuser gross geplant, erklärte Gabro. "Wir wollen den Jungen zeigen, dass es sich lohnt, hier zu leben." Im nächsten September sollen 14 assyrische Familien mit Kindern aus der Schweiz und aus Deutschland nach Kafro umziehen. Eine eigene Schule für die Kinder ist vorerst aber nicht geplant.

Vertriebene Christen - vertriebene Kurden

Zwanzig Jahre lang hat Jakup Özdemir, ein Arzt, in Wiesbaden gelebt. Nun will er die Heimkehr wagen. Der Streit um Landrechte und um den alten Besitz mache ihm aber Probleme, erzählt er in Mor Melke. Nach der Flucht der Christen hätten sich in den verlassenen Häusern Kurden niedergelassen und die Felder bestellt. Zwanzig Jahren danach müssten die Christen nun die Kurden vertreiben, wenn sie zurückkehren wollten, und sie müssten vor Gericht beweisen, dass das Land ihnen und nicht den gegenwärtigen Bauern gehöre.
Jakup Özdemir ist von der allgemeinen Aufbruchstimmung dennoch mitgerissen. Wenn die Türkei einmal zur Europäischen Union gehöre, werde der Tur Abdin ein Paradies auf Erden sein, schwärmt er. Dann könnten auch die Assyrer volle Rechte geniessen. Dann könnten sie auch Offiziere oder Bankdirektoren werden. Solche Berufe sind Minderheiten in der Türkei bis heute verwehrt. Im Laufe der Annäherung an die EU wird sich laut Özdemir zeigen, ob der Islam reformierbar und weniger aggressiv sein könne. In diesem Prozess könnten auch die Kurden ihre jüngste Geschichte aufarbeiten; sie müssten sich entschuldigen für das, was sie den Christen angetan haben, fordert er.

EU als Existenzgarantie

Die Perspektive eines EU-Beitritts ermöglicht es, dass im türkischen Südosten alte, schon fast ausgestorben geglaubte Kulturen sich erhalten. In der Gegend des Tur Abdin ist Deutsch nun eine Verkehrssprache, die von vielen Türken und Kurden und eben auch von Christen und Yezidi gesprochen wird. In zahlreichen Christendörfern wird renoviert und gebaut; Pläne für eine Rückkehr in die Heimat werden geschmiedet. Die Rückkehrer wollen an die Folgen einer möglichen Abweisung der Türkei durch die Europäische Union gar nicht denken, wenn am 17. Dezember über die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen entschieden wird. Der EU-Beitritt der Türkei ist für sie von existenzieller Bedeutung.

Quelle: Neue Züricher Zeitung

Neue Züricher Zeitung
22.09.2004 Göttingen/Deutschland, 22.09.2004/APD 

Für die christlich-assyrischen Einwohner des Dorfes Sare (türkisch Sariköy) rückt die Möglichkeit heimzukehren in greifbare Nähe: Ihr altes Dorf in der südostanatolischen Provinz Sirnak wurde am 19. September friedlich von der türkischen Armee geräumt.

Wie die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), mit Sitz in Göttingen (Deutschland), aus der Türkei berichtet, kehren die in Sare vom Militär in den 90er Jahren angesiedelten Kurden
– so genannte Dorfschützer mit ihren Familien – in ihre ursprünglichen Ortschaften zurück oder wollen sich in nahe gelegenen Städten niederlassen. Die GfbV begrüsste die Räumung als "längst überfällige, doch endlich entschlossene Aktion für die Wahrung und Achtung der Minderheitenrechte in der Türkei".

Gleichzeitig bedankte sich die Menschenrechtsorganisation bei EU-Erweiterungskommissar Günter Verheugen für sein Engagement für die Christen während seines Besuches in der Türkei Mitte September. Die GfbV hatte den EU-Vertreter vor seiner Reise in einem Schreiben um Intervention für die Rückkehrer gebeten und sich zuvor bereits mehrfach unter anderem bei deutschen Diplomaten für die Rückgabe des Ortes eingesetzt. Die letzte assyrisch-christliche Familie hatte Sare/Sariköy 1994 während des türkisch-kurdischen Bürgerkrieges verlassen müssen. Jetzt warten die ersten Rückkehrer darauf, dass die Armee ihre Häuser freigibt.

In Sare/Sariköy hatten sich in den vergangenen zehn Jahren 30 kurdische Familien mit rund 300 Angehörigen niedergelassen. Sie hatten sich bis vor kurzem geweigert, den Ort wieder zu verlassen und mehrere Erlasse des Provinzgouverneurs Osman Günes ignoriert. Die kurdischen Dorfschützer waren vom Militär dort angesiedelt worden, um die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) von der strategisch wichtigen Strasse fernzuhalten. Bereits im Juni 2001 hatte der damalige Ministerpräsident Bülent Ecevit rückkehrwillige christliche Assyrer in einem Rundschreiben dazu eingeladen, wieder in ihre Heimat zu ziehen.

Die Situation der assyrisch-aramäischen Christen im Tur Abdin im Südosten der Türkei hat sich im Zuge der Reformen der Regierung Erdogan bereits verbessert. So wird der Unterricht in neuaramäischer Sprache nicht mehr behindert. Einzelne assyrisch-aramäische Familien kehren aus West- und Mitteleuropa in ihre früheren Dörfer zurück.

Quelle: www.Weltmission.de 

WELTMISSION.de
24.09.2004 Fremd in der eigenen Heimat / Eine Gütersloher Flüchtlingsfamilie darf erstmals nach 25 Jahren ihr Dorf in Anatolien besuchen

Von Andreas Püfke

Gütersloh. Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass Aziz Danho (Name geändert) sein Elternhaus zuletzt gesehen hat. Nach seiner dramatischen Flucht im Herbst 1979 haben Andere dort gewohnt, Andere seine Mandelbäume abgeerntet. Wenn er in einigen Tagen zurückkehren kann, in Folge der türkischen Bemühungen um einen raschen EU-Beitritt, dann wird er ein Fremder in der eigenen Heimat sein.

Aziz' Haus steht in Sariköy, einem kleinen Dorf unweit der syrischen Grenze in Südost-Anatolien. Der unscheinbare Ort hat eine bewegte, fast 3.000-jährige Geschichte: Hier lebten vor allem aramäische Christen wie Aziz, ehe sie in mehreren Wellen systematisch vertrieben wurden, die letzten während der Kämpfe zwischen Regierungstruppen und kurdischen Separatisten in den 90er Jahren.

Aziz sah schon im Sommer 1979 keine andere Möglichkeit mehr als zu fliehen. Zwei Mal sei damals auf ihn geschossen worden, erzählt der heute 58-Jährige. Die 6-köpfige Familie machte sich deshalb auf den beschwerlichen Weg nach Europa, der kurz darauf jäh unterbrochen wurde: Noch auf türkischem Staatsgebiet starb Aziz' Vater, geschwächt durch die Strapazen der Flucht.

Mit dem Verstorbenen konnte Aziz unmöglich das Land verlassen und fuhr in einer riskanten Nacht-und-Nebel-Aktion noch einmal von Istanbul nach Sariköy zurück, um seinen Vater zu beerdigen, während der Rest der Familie die Flucht über den Bosporus fortsetzte. Wenig später gelang die Familienzusammenführung in Gütersloh.

Bald bekamen die Danhos den Status anerkannter Flüchtlinge, und seit 1994 haben sie Pässe mit dem Bundesadler. Verwandte, Freunde und Glaubensbrüder leben seither über ganz Europa verstreut.

In die Häuser der Vertriebenen zogen derweil so genannte "Dorfschützer" ein, als verlängerter Arm des Militärs im Kampf gegen die kurdische Untergrundorganisation PKK.

"Das ist unser Haus", sagt Aziz und zeigt auf einen Kirchenkalender. Das Foto, auf dem sein Haus am rechten Ortsrand liegt, ist alles andere als eine schmucke Postkartenansicht. Vielmehr zeigt es den sehnsüchtigen Blick auf Sariköy aus mehreren Kilometern Entfernung durch ein Teleobjektiv - näher konnte, näher durfte der Fotograf nicht an sein Motiv heran.

Zwar gab es schon seit 1998 Gespräche und Verhandlungen, und nach dem Kriegsende 1999 keimte bei den Vertriebenen die Hoffnung auf eine Rückkehr, aber die Realität in der anatolischen Provinz, fernab der Hauptstadt, sah lange Zeit ganz anders aus: Die "Dorfschützer" weigerten sich beharrlich, die Häuser zu räumen.

Erst mit dem neuerlichen Bemühen Ankaras, der EU die Beitrittsreife der Türkei zu beweisen, kam Bewegung in die Flüchtlingsfrage. Der für die Erweiterung zuständige EU-Kommissar Günter Verheugen machte sich Anfang des Monats vor Ort ein Bild und schrieb der Regierung Erdogan ins Stammbuch, dass diese in Fragen des Minderheitenschutzes noch einiges zu erledigen habe.

Das war zugleich der Startschuss für die aramäischen Flüchtlinge, in ihre Dörfer zurückzukehren. So wollen auch Aziz, seine Frau Sitto und die Tochter Meryem schon bald nach Sariköy fahren, sitzen praktisch auf gepackten Koffern. Es sei wie eine Reise in die eigene Vergangenheit, die für die Familie wie ein unverhofftes Geschenk komme, sagt Aziz, dessen Leben durch die Vertreibung gleichsam in zwei Hälften zerschlagen wurde. Während die Kinder sich in Deutschland heimisch fühlen, brennt in Aziz und Sitto seit dem Tag ihrer Flucht das Heimweh.

Für Meryem ist es die Suche nach der eigenen "Spur", wie sie sagt. Sie alle fahren mit gemischten Gefühlen, denn noch immer ist ungewiss, was sie in der alten Heimat erwartet.

Endgültig zurückkehren wollen die Danhos vorerst nicht. Zunächst wünschen sie sich nichts weiter, als das Grab des Vaters zu besuchen, in Frieden und Freiheit. Zorn oder gar Rachegelüste treiben sie nicht um: "Ein Christ muss verzeihen können," sagt Meryem, "daran glauben wir, und das ist unsere Mentalität."

Quelle: lok-red.guetersloh@neue-westfaelische.de

Neue Westfälische
26.09.2004 Süryanis können in ihr Dorf zurück

Nach langen juristischen Auseinandersetzungen sind die Bewohner des Dorfes Sariköy im Kreis Idil (Sirnak) nun in der Lage, wieder zurückzukehren. Die christlichen Dorfbewohner waren vorwiegend in den 80er Jahren aus dem Dorf abgewandert. Vor ca. 7 Jahren hatten die lokalen Autoritäten dort Dorfschützer angesiedelt, die das Dorf nicht wieder hergeben wollten. Vor einem Jahr hatten die Bewohner daher ein Verfahren angestrengt, mit dem die Dorfschützer zum Verlassen aufgefordert werden sollten. Vor 3 Monaten hatte dann der Gouverneur von Sirnak ein "Machtwort" gesprochen und den Dorfschützern eine Frist zum Auszug gegeben. Die Dorfschützer aber leisteten Widerstand. Deshalb wurde ihnen zuerst der Strom und das Wasser abgestellt. Am 12. September dann ging die Gendarmerie ins Dorf und "entfernte" die Besatzer. Am 24. September übergab der Gouverneur von Sirnak dann das Dorf Sariköy an die eigentlichen Besitzer.

Quelle: http://www.tuerkeiforum.net/wochen/2004/0440.html

Özgür Politika
 

 Problematisch ist im Moment, dass das Dorf Sare von sogenannten „Dorfschützern“ und deren Familien besetzt ist. 

Die Rechtslage ist jedoch klar. Ministerpräsident Ecevit hat am 12. Juni 2001 in einem Rundschreiben rückkehrwillige Christen zur Rückkehr in ihre Heimatdörfer eingeladen. Der Provinzgouverneur (Vali) von Sirnak, Osman Günes, hat mir gegenüber in seinem Büro in der gleichnamigen Stadt am 15. Juni in diesem Zusammenhang erklärt, es sei das „natürliche Recht“ der Christen, in ihre Dörfer zurückzukehren. Er habe weiterhin einen formellen Erlass unterzeichnet, wonach die derzeitigen Bewohner von Sare verpflichtet seien, das Dorf bis zum 15. Juni 2004 zu verlassen, um Christen die Rückkehr in ihre Heimatdörfer zu ermöglichen. Für die Rücksiedlung der „Dorfschützer“ und deren Familien in ihr Heimatgebiet sei gesorgt.

 Wir haben am 13. Juni 2004 Sare besucht. Der örtliche Militärkommandeur untersagte unserem Menschenrechtsteam den Aufenthalt im Dorf. Das zeigt, wie gespannt die Lage dort momentan ist. Am 16. Juni haben wir im Dorf noch keine Anzeichen für eine eventuell bevorstehenden Rückzug der gegenwärtigen Bewohner beobachten. Unsern Informationen zufolge sind bis heute keine Umzugsbemühungen erkennbar. Wichtig ist jetzt, die Entscheidung des Provinzgouverneurs, die wir sehr begrüßen, umzusetzen. Erst dann wäre eine Rückkehr für die christlichen Familien in ihr Dorf möglich. Die de-facto-Rückgabe Sares an die rückkehrwilligen Familien wäre ein positives Signal der Türkei hinsichtlich des im Rahmen eines Dialogs mit der Europäischen Union notwendigen Minderheitenschutzes.

 Nachdem die letzten christlichen Familien Anfang der neunziger Jahre das Dorf, das türkisch Sariköy heißt, verlassen hatten, wurde das an einer strategisch wichtigen Straße gelegene Dorf von der türkischen Regierung mit paramilitärischen „Dorfschützern“ besetzt. Die „Dorfschützer“ sollten die Regierung im Kampf gegen kurdische Separatisten unterstützen. Nach und nach holten die „Dorfschützer“ ihre Familien nach Sare. Von Anfang an machte die türkische Regierung den „Dorfschützern“ klar, dass jeder, der sich in verlassenen christlichen Dörfern niederlässt, keine dauerhaften Investitionen in den Dörfern tätigen soll, da das Grundeigentum bei den ursprünglichen Eigentümern verbleibe.

 Hoffnungszeichen Sign of Hope ist eine überkonfessionelle Menschenrechts- und Hilfsorganisation.

 Für weitere Informationen: Klaus Stieglitz (Menschenrechtsbeauftragter)

Quelle: http://www.hoffnungszeichen.de/

Hoffnungs-

zeichen.de

  Türkei: Rückkehrwilligen Christen die Heimkehr ermöglichen!

 

Der Abzug paramilitärischer „Dorfschützer“ und deren Angehöriger aus einem von ihnen besetzten ehemals christlichen Dorf muss durchgesetzt und international überwacht werden.

 (Singen/Midyat/Sirnak-Türkei, 18. Juni 2004) Hoffnungszeichen begrüßt die Entscheidung des Gouverneurs der südosttürkischen Provinz Sirnak, rückkehrwilligen Christen die Ansiedlung in dem Dorf Sare zu ermöglichen. Dazu der Hoffnungszeichen-Menschenrechtsbeauftragte Klaus Stieglitz:

Das Dorf der Vertriebenen

- Heimkehr der syrischen Christen -

Endlich wieder zu Hause. Für die Neuankömmlinge in Sariköy, einem kleinen Dorf in Anatolien, ist es eine Reise in die eigenen Vergangenheit. Vor zehn Jahren mussten sie ihr Dorf räumen. Seitdem wohnen in ihren Häusern andere Familien, davor spielen deren Kinder. Fremd in der eigenen Heimat.
Es ist ein oft vergessenes Kapitel der türkischen Geschichte. Systematisch wurden syrische Christen während des türkisch-kurdischen Bürgerkriegs in den 90er Jahren aus ihrer Heimat in Anatolien vertrieben. In ihre Dörfer zogen so genannten "Dorfschützer" ein. Diese sollten im Auftrag des türkischen Militärs die kurdische Untergrundorganisation PKK von strategisch wichtigen Straßen fernhalten und ihr so den Nachschub abschneiden.

 

Flucht nach Europa

Für die meisten der Vertriebenen beginnt damit eine Odyssee kreuz und quer durch Europa. Über 60.000 türkischstämmige Christen wurden über den ganzen Kontinent verstreut, viele landeten auch in Deutschland. Doch mit dem Ende des Krieges zwischen der PKK und dem türkischen Militär 1999 wuchs bei vielen von ihnen die Hoffnung, bald in ihre Heimat, in ihre alten Dörfer und Häuser zurückkehren zu können. Vor allem, nachdem der damalige türkische Ministerpräsident Bülent Ecevit im Juni 2001 versicherte, dass alle Vertriebenen ein Recht auf Rückkehr haben.

 

Doch die türkische Realität fernab der modernen Metropolen Istanbul oder Ankara sieht anders aus. In vielen Fällen weigern sich die "Dorfschützer" die Häuser zu räumen, Platz zu machen für die Rückkehrer. Oftmals werden sie von lokalen Militärkommandanten oder Polizeichefs dabei unterstützt.

Hoffnungsträger EU

Das alles soll sich ändern - mit mutigen Reformen will Ankara beweisen, dass die Türkei reif ist für einen Beitritt zur EU. Doch das türkische Hinterland ist noch weit von rechtstaatlichen und demokratischen Verhältnissen entfernt. Davon machte sich in dieser Woche auch der für Erweiterung zuständige EU-Kommissar Günther Verheugen ein Bild. Bei seiner Reise durch die Türkei besuchte Verheugen auch die Dörfer der vertriebenen Christen. Dort mahnte der Kommissar, dass die Türkei in Fragen des Minderheitenschutzes noch einiges aufzuholen habe.

 

Für die Heimkehrer nach Sare verbindet sich mit dem Verheugen-Besuch und vor allem einer weiteren Annäherung der Türkei an die EU der Wunsch, jetzt doch endlich in die alte Heimat zurück zu dürfen. Denn eins machten sie in den Gesprächen klar: "Wir bleiben hier, wir gehen hier nicht noch einmal weg."

 

Unser Korrespondent Stephan Hallmann berichtet über die Rückkehr der syrischen Christen nach Sariköy und den Kampf um ihre Heimat.

 

Dieser Bericht wurde am 9.September 2004 im ZDF ausgestrahlt

 

Quelle: http://huyodo.com/index.php?p=cheats&action=displaycheat&system=56&area=1&cheatid=244 

 

 
Sept. 2006 Der Tur Abdin zwischen Aufbruch, Unsicherheit und Angst

Eindrucke, Beobachtungen und Begegnungen von einem Besuch im Tur Abdin im September 2006

http://www.kirche-in-not.de/03_tuerkei_christen_im_tur_abdin.pdf

 

Kirche in Not
09/2004

Das Dorf der Vertriebenen

Heimkehr der syrischen Christen

 

 

Es ist ein oft vergessenes Kapitel der türkischen Geschichte. Systematisch wurden syrische Christen während des türkisch-kurdischen Bürgerkriegs in den 90er Jahren aus ihrer Heimat in Anatolien vertrieben. In ihre Dörfer zogen so genannten "Dorfschützer" ein. Diese sollten im Auftrag des türkischen Militärs die kurdische Untergrundorganisation PKK von strategisch wichtigen Straßen fernhalten und ihr so den Nachschub abschneiden.

 

Flucht nach Europa

 

Für die meisten der Vertriebenen beginnt damit eine Odyssee kreuz und quer durch Europa. Über 60.000 türkischstämmige Christen wurden über den ganzen Kontinent verstreut, viele landeten auch in Deutschland. Doch mit dem Ende des Krieges zwischen der PKK und dem türkischen Militär 1999 wuchs bei vielen von ihnen die Hoffnung, bald in ihre Heimat, in ihre alten Dörfer und Häuser zurückkehren zu können. Vor allem, nachdem der damalige türkische Ministerpräsident Bülent Ecevit im Juni 2001 versicherte, dass alle Vertriebenen ein Recht auf Rückkehr haben.

 

Doch die türkische Realität fernab der modernen Metropolen Istanbul oder Ankara sieht anders aus. In vielen Fällen weigern sich die "Dorfschützer" die Häuser zu räumen, Platz zu machen für die Rückkehrer. Oftmals werden sie von lokalen Militärkommandanten oder Polizeichefs dabei unterstützt.

 

Hoffnungsträger EU

 

Das alles soll sich ändern - mit mutigen Reformen will Ankara beweisen, dass die Türkei reif ist für einen Beitritt zur EU. Doch das türkische Hinterland ist noch weit von rechtstaatlichen und demokratischen Verhältnissen entfernt. Davon machte sich in dieser Woche auch der für Erweiterung zuständige EU-Kommissar Günther Verheugen ein Bild. Bei seiner Reise durch die Türkei besuchte Verheugen auch die Dörfer der vertriebenen Christen. Dort mahnte der Kommissar, dass die Türkei in Fragen des Minderheitenschutzes noch einiges aufzuholen habe.

 

Für die Heimkehrer nach Sare verbindet sich mit dem Verheugen-Besuch und vor allem einer weiteren Annäherung der Türkei an die EU der Wunsch, jetzt doch endlich in die alte Heimat zurück zu dürfen. Denn eins machten sie in den Gesprächen klar: "Wir bleiben hier, wir gehen hier nicht noch einmal weg."

 

Unser Korrespondent Stephan Hallmann berichtet über die Rückkehr der syrischen Christen nach Sariköy und den Kampf um ihre Heimat.

 

Dieser Bericht wurde am 9.September 2004 im ZDF ausgestrahlt

 

Quelle: http://www.huyodo.com/heatid=244

 

ZDF

 

 

HUYODO.COM

14.06.2003 Die Letzten werden die Ersten sein

Nur Steine sind übrig von dem Christendorf Kafro in Anatolien, aber die Vertriebenen wollen jetzt trotzdem zurück

Von Susanne Güsten

Beschattet von Feigen- und Mandelbäumen der Dorfplatz, ringsum einfache Steinhäuser, ein Kirchturm und das alles umschlossen von Eichenwäldern und Weinbergen. Das ist Kafro. Das war Kafro. Kafro, wo 17 Rebsorten gediehen. Kafro, wo die Türken in die Kirche und nicht in die Moschee gingen. Kafro, das war eine kleine christliche Enklave in Tur Abdin, wie diese Gegend in Südostanatolien genannt wird. Heute ist Kafro ein Geisterdorf. Ein paar überwucherte Steine, hier und da stehen noch Grundmauern. Nur die Kirche, ausgerechnet die Kirche aus dem 5. Jahrhundert, hat standgehalten.

Auf ihrem Dach steht Bedros, schaut auf das, was einst seine Heimat war. Der Krieg und die Plünderungen haben alles zerstört, die Weinberge wurden von Soldaten niedergebrannt, die Wälder abgeholzt, die Felder sind mit Unkraut überwuchert. Seit Jahren lebt in Kafro kein Mensch mehr.

„Mein Vater war einer der Letzten, die gingen“, sagt Bedros.

Der PKK-Krieg war nur der letzte Schlag für die Suryani, wie die assyrischen Christen im Tur Abdin auch genannt werden. Seit dem 5. Jahrhundert sind sie hier beheimatet, ihre Kirche und Kultur gehen bis auf den Apostel Petrus zurück, der im nahen Antiochien lebte. Eineinhalb Jahrtausende trotzten sie Arabern, Mongolen und Osmanen, ertrugen Kriege, Verfolgungen und Hungersnöte. Viele verloren ihr Leben bei den großen Massakern von 1915. Aber auch nach dem Ende des Osmanischen Reiches, in der Türkischen Republik, hatten die Suryani einen schweren Stand: Von ihren kurdischen Nachbarn als Ungläubige angefeindet, vom türkischen Staat als Bürger zweiter Klasse behandelt, wanderten viele in den 70er Jahren als Gastarbeiter nach Westeuropa aus. Der Ausbruch des PKK-Krieges in den 80er Jahren vertrieb die übrigen.

1995 bekamen die letzten drei Familien in Kafro den Befehl vom Militär, ihren Ort zu räumen. Wegen drei Familien lohne es sich nicht, das Dorf zu halten, sagte der türkische Offizier, der im Krieg gegen die PKK die örtlichen Truppen befehligte. Und so packten die letzten Bewohner von Kafro ihre Sachen und zogen weg. Heute leben etwa 150000 Suryani in Westeuropa – davon rund 60000 in Deutschland. Im Tur Abdin aber gibt es kaum noch 3000 Christen.

Es schien, als wäre die lange Geschichte der assyrischen Christen in der Türkei im 21. Jahrhundert tatsächlich an ihrem Ende. Doch vielleicht kommt im letzten Moment alles noch anders.

Sie sprechen die Sprache Jesu

Bedros deutet auf eine Ruine: „Da, das war mein Elternhaus“, sagt er. Er spricht aramäisch, die Sprache von Jesus Christus. Kaum einer spricht sie heute noch. Aber die, die hier mit Bedros auf dem Dach der alten Kirche in Kafro stehen sprechen es alle, obwohl sie jahrelang in Augsburg, Göppingen oder Zürich gelebt haben. Sie sind nach Kafro zurückgekehrt, um ihre 1500 Jahre alte Kultur vor dem endgültigen Verlöschen zu bewahren, um den ersten Spatenstich zu tun für den Wiederaufbau ihres Dorfes.

Die türkische Regierung hat sie zurückgerufen. Als es eigentlich schon zu spät war, hat sie sich besonnen. 1999 war der Krieg mit der PKK beendet worden, und die Türkei trat den Spurt in die Europäische Union an, bereit, Gesetzgebung und Denken im Lande zu reformieren. Die Einladung an die Suryani, in die Heimat zurückzukehren, ist ein Zeichen der Toleranz in Richtung Westeuropa.

Die Abendsonne zeichnet die Ruinen von Kafro weich. Aber bei Licht besehen ist die Rückkehr hierher ein tollkühnes Projekt. Die Brunnen des Dorfes sind längst versiegt, der Strom für die Bauarbeiten muss mit provisorischen Kabeln herbeigeführt werden, nach Kafro führt nur ein Feldweg, und die inzwischen vorwiegend kurdische Bevölkerung der Gegend reitet noch auf Eseln zum Markt.

Warum will Bedros seine sichere Existenz in der Schweiz aufgeben, seine Frau und vier Kinder in den einsamen Südosten der Türkei verpflanzen und all seine Ersparnisse in den Wiederaufbau eines verfallenen Dorfes stecken? Die Antwort lässt sich in drei einfache Worte fassen, und ist für viele doch schwer zu begreifen: Heimat, Glaube, Identität. Wie es in Kafro mit der Gymnasialausbildung der beiden Älteren weitergehen soll, weiß Bedros zwar noch nicht so genau. „Aber ohne Opfer ist die Rückkehr nicht zu haben“, sagt er. „Mein Großvater und mein Vater haben das Dorf schon zweimal wieder aufgebaut – nun bin ich an der Reihe.“

20, 30 Jahre sind die Menschen, die auf dem Kirchendach die alten Zeiten heraufbeschwören, in der Fremde gewesen, haben die Landessprachen gelernt, andere Staatsbürgerschaften angenommen, Familien gegründet und neue Berufe ergriffen – und doch verstehen sie sich noch immer als die Schneider, Schuster und Maurer von Kafro, die sie einst waren. „Wir leben gut in Europa, wir akzeptieren die Kultur", sagt Yahko, früher Dorfschneider von Kafro, heute Gastronom in der Schweiz. „Aber unsere Heimat ist hier.“ So zäh, wie die Suryani im Exil an ihrem Glauben festhielten, so zäh harrte ihre Kirche auch in den schwersten Kriegsjahren im Tur Abdin aus. Im Kloster Mar Gabriel, in dem einst tausend Mönche lebten, betete der Bischof mit zwei Mönchen für ein Wunder. Heute erhebt sich der aramäische Liturgiegesang wieder vielstimmig in der Klosterkirche.

Prügel von kurdischen Hirten

Bis zum nächsten Frühjahr will der „Entwicklungsverein Kafro“ das Dorf wieder bewohnbar gemacht haben. Mehr als 70 Familien wollen dann aus Westeuropa in ihr Dorf zurückkehren. Wie viel Geld der Wiederaufbau von Kafro kosten wird – zwei bis fünf Millionen Euro –, das hat der Verein zwar ausgerechnet; woher das Geld kommen soll, weiß aber noch keiner. „Gastarbeiter und Asylanten haben nun mal nicht viel Geld“, sagt Yahko, der Vereinsvorsitzende. Die Rückkehrer von Kafro hoffen auf die EU und die türkische Regierung – können aber nicht ewig darauf warten. Seit dem ersten Rückkehrappell der Türkei vor zwei Jahren debattieren die Suryani darüber, was zuerst kommen muss: die Rückkehr oder die Rückkehrhilfen. „Jetzt fangen wir einfach an“, sagt Yahko. Wenn der Versuch in Kafro gelingt, dann werden tausende Suryani aus Westeuropa den Pionieren auf dem Kirchendach folgen und in den Tur Abdin zurückkehren, glaubt das Oberhaupt des Klosters Mar Gabriel. „Das ist die Wiedergeburt der Suryani in ihrem Heimatland.“

Nicht alle Beobachter teilen die Zuversicht, dass die Geschichte einfach zurückgespult werden kann, doch immerhin – die türkischen Behörden unterstützen die Suryani. Kafro soll Strom- und Wasseranschlüsse bekommen, sobald die Häuser gebaut sind. Und wenn die Rückkehrer viele Kinder mitbringen, will die Provinz im Ort auch eine Schule bauen – wenn nicht, dann werde man die Kosten für den Schulbus in die nächste Kreisstadt übernehmen, versprach der Gouverneur.

Auch mit den Soldaten der paramilitärischen Gendarmerie pflegen die Rückkehrer gute Beziehungen. „Hallo, könnte ich bitte den Unteroffizier Mehmet sprechen?“, meldet sich Bedros per Handy bei der örtlichen Kommandantur. „Hier sind schon wieder fremde Viehherden auf unserem Land – könnten Sie ein paar Mann rüberschicken? Die kurdischen Stämme der Umgebung haben sich im Lauf der Jahre ein Gewohnheitsrecht auf die Wiesen und Weiden von Kafro angeeignet, das sie nun nicht mehr aufgeben wollen. Als zwei junge Suryani aus Göppingen kürzlich den Schafsmist aus der Kirche schippten und eine Hausruine herrichteten, um sich provisorisch in Kafro niederzulassen und die Bauarbeiten zu beaufsichtigen, wurden sie von kurdischen Hirten zusammengeschlagen. Doch davon wollen sich die Rückkehrer ebenso wenig einschüchtern lassen wie von der armdicken Schlange, die plötzlich auf das sonnenwarme Kirchendach gekrochen kommt.

Quelle: der Tagesspiegel v.14.06.2003

 

Der

Tagesspiegel

Der "tolerante" Islam in der Türkei

"Nagelprobe islamischer ToleranzReligionen:
Die kleine Minderheit der Christen in der Türkei erfährt trotz offizieller Lippenbekenntnisse Repressalien.

Karsten Jung  (http://www.jungefreiheit.de/)

Das Christentum auf dem Gebiet der heutigen Türkei hat eine lange Tradition. Im Jahr 48 nach Christus reist der Apostel Paulus von Antiochia am Orontes aus nach Norden, in die römische Provinz Galatien. Dort gründet er die ersten christlichen Gemeinden.Abgesehen von Antiochia selbst und wahrscheinlich Rom sind hier die ersten Christen außerhalb Palästinas. Paulus bereist Städte mit so klangvollen Namen wie Ikonion, Lystra, Antiochia ad Pisidiam, Milet, Smyrna und Ephesus. Er arbeitet geschickt: Er predigt zunächst in den Synagogen, in Ephesus auch im Tempel der Diana. Nach dem Bericht der Apostelgeschichte hat er damit sogar so großen Erfolg, daß er die Andenkenhändler im Tempel in wirtschaftliche Probleme stürzt. Das Christentum muß sich gegen die anderen Religionen behaupten. Das tut es mal besser, mal schlechter. Verärgert schreibt Paulus den ersten Christen in Galatien bald nach der Gründung der Gemeinden einen Brief, der heute als eine der Grundquellen christlicher Lehre gilt. Der Galaterbrief ist das erste Dokument dieser neuen christlichen Religion, die sich von jüdischen und heidnischen Wurzeln emanzipiert hat. Die junge Religion des Christentums hat auf heute türkischem Boden ihren Kern entwickelt: Aus dem Verkündiger Jesus von Nazareth wurde der verkündigte Christus. Aus dem gut jüdischen "Liebe den Herrn und deinen Nächsten wie dich selbst" Jesu von Nazareth wird in Ephesus durch den Evangelisten der Anspruch Christi: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben". Gegenüber der Gesetzesreligion des Judentums und dem Eudämonismus der griechischen Philosophie entstand in Galatien durch Paulus die Religion, die Gesetzesfreiheit und Selbstbindung, Glaube und Gnade in einem Konzept zu verbinden wußte, das seitdem von keiner anderen Religion wiederholt wurde.

Von 68,8 Millionen Türken nur etwa 150.000 ChristenDoch wie sieht die Lage der Christen auf dem Nährboden der Christenheit, den Kleinasien einst bildete, heute aus? Etwa 150.000 Christen machen in der Bevölkerung von 68,8 Millionen gut 0,2 Prozent der Bevölkerung aus. Dabei sind die wenigen Christen noch in insgesamt fünf größere Konfessionen aufgespalten. Neben evangelischen und römisch-katholischen Christen gibt es Orthodoxe verschiedener Nationen sowie mit einem nicht geringen relativen Anteil die armenisch-orthodoxe und die syrischen Kirchen. Armenier und Syrer bilden in der christlichen Welt der Türkei insoweit eine Sondergruppe, als daß sie bereits seit 451 eigene Konfessionen mit eigenen Dogmen bilden, was die Zusammenarbeit mit Protestanten, Katholiken und Orthodoxen zusätzlich erschwert.In der öffentlichen Meinung gilt die Türkei als laizistischer Staat. Gern wird die strikte Trennung von Staat und Religion nicht nur als unerschütterliche Staatsdoktrin vorgestellt, sondern auch als Beispiel eines wandlungs- und an westliche Standards anpassungsfähigen Islam wahrgenommen. Gewiß, verglichen mit manch anderem islamischen Land ist der Einfluß der moslemischen Glaubensgemeinschaften geringer, als es der islamischen Vorstellung der Staatsgestaltung mittels des durch den Koran autorisierten Gesetzes, der Scharia, entspricht.

Das darf aber nicht dazu verleiten, daß manches Problem in Deutschland verzerrt oder auch gar nicht wahrgenommen wird. Das Bild von der Türkei als islamischem Musterländle ist in jedem Fall der Nachfrage wert.Ein Beispiel für die Verzerrung der Wahrnehmung ist das Kopftuchverbot, das an türkischen Schulen, Universitäten, in Ämtern und anderen öffentlichen Einrichtungen gilt. Hierbei handelt es sich in erster Linie nicht etwa darum, daß der Staat seine Unabhängigkeit vom Islam ausdrücken will und daher ein religiöses Symbol verbietet. Das Verbot gilt nicht dem religiösen Symbol, sondern dem auf dem Trittbrett der Religion zum Ausdruck gebrachten politischen Anspruch, eine fundamentale Veränderung hinsichtlich der Rechtsordnung des bestehenden Staates herbeiführen zu wollen. Das türkische Kopftuchverbot ist nicht Zeichen einer religiösen Liberalität, sondern steht in etwa auf der gleichen Ebene, auf der auch in Deutschland das Tragen verfassungsfeindlicher Symbole verboten ist.

Nicht erst seit dem Wahlsieg der islamischen Partei AKP unter Tayyip Erdogan 2003 haben Christen in der vorgeblich laizistischen Türkei einen schweren Stand. Im Gegenteil: Die Befürchtungen, die mit Erdogans Wahl verbunden waren, haben sich nicht bewahrheitet. Erdogan packte kurz nach Regierungsübernahme das heiße Eisen des Christentums an und forderte, daß die Benachteiligung des Christentums ein Ende haben müsse. Wenngleich das wohl ein Lippenbekenntnis war, so hat sich die Situation für die Christen im großen und ganzen weder verbessert noch verschärft. Ihre offensichtliche Schlechterstellung war bereits vorher integraler Bestandteil der türkischen Innenpolitik.Status der Christen ist nur teilweise gesetzlich garantiertDie Grenzen zwischen geduldeter und staatlich geförderter islamischer Religiosität waren stets verschwommen. Daß die Türkei eine massive finanzielle Förderung des Islam betreibt, ist in Europa nur wenig bekannt. Um das Bild des Laizismus nach außen zu wahren, werden Förderungen oftmals mit gewissen Auflagen oder Einschränkungen verbunden. Immer wieder haben sich islamistische Parteien gegründet und wurden einige Zeit später verboten (Refah-Partei 1998, Fazilet-Partei 1999). Gleichzeitig ist die Unterstützung des Islam offensichtlich: So finanziert beispielsweise der Staat die religiös ausgerichteten Imam-Hatip-Schulen und bezahlt den Lehrkörper. Gleichzeitig werden Auflagen bezüglich des Tätigkeitsfeldes gemacht.

Der Staat fördert den Bau von Moscheen, Strom und Wasser werden kostenfrei zur Verfügung gestellt, die religiösen Beamten - mindestens 70.000 - werden vom Staat besoldet. Zu diesen religiösen Beamten zählen neben den Fachleuten für den Bau und den Unterhalt von Moscheen auch Imame, Muftis, Prediger, Gebetsrufer und Religionslehrer für Korankurse.Der Status der Christen in der Türkei ist nur teilweise gesetzlich garantiert. Hier spielen die Konfessionsunterschiede eine große Rolle. Der 1923 geschlossene Lausanner Vertrag, der die völkerrechtliche Grundlage für das damals entstandene Staatsgebilde der Türkei darstellt, unterscheidet den Status der Christen je nach ihrer Konfession. Expliziten Schutz genießen nach türkischer Interpretation nur die Gruppen, die in der Türkei bei Abschluß des Vertrages existierten, also die griechisch-orthodoxe und die armenisch-orthodoxe Kirche sowie die Juden. Religiöse Gruppen, die der Vertrag nicht nennt, sind rechtlicher Unsicherheit ausgeliefert. Dies betrifft Katholiken und Protestanten, deren Stellung faktisch besser ist, weil bei ihnen der Anteil an Ausländern, vor allem Diplomaten und Geschäftsleuten, besonders hoch ist. Es betrifft aber auch die syrisch-orthodoxen Christen, deren Lage ausgesprochen schlecht ist.

Das Problem für viele Christen liegt darin, daß nach Artikel 24 der türkischen Verfassung zwar die individuelle Religionsfreiheit gewährleistet ist - jeder Mensch kann also an dem religiösen Ritus teilnehmen, den er bevorzugt. Die Zugehörigkeit zum Christentum ist im Personalausweis vermerkt. Im Alltag bedeutet das allerdings zunächst einmal, daß der Christ oftmals Diskriminierungen und einem immensen Assimilierungsdruck durch seine Umwelt, vor allem im Kontakt mit Behörden, ausgesetzt ist.Dieses Recht auf Religionsfreiheit gilt aber nicht für die Religionsgemeinschaft selbst: Das Recht auf Durchführung von Gottesdiensten oder zum Unterhalt der dazu erforderlichen Einrichtung ist nicht verfassungsmäßig garantiert. Dem Neubau, teilweise sogar der Renovierung von Kirchen sind erhebliche Hindernisse entgegengesetzt, die manchem unüberwindlich scheinen.Es ist also zwar offiziell unproblematisch, sich zu einer anderen Religion als dem sunnitischen Islam zu bekennen, ihre Ausübung aber gestaltet sich teilweise schwierig. Davon betroffen sind nicht allein die Christen, sondern auch die Aleviten, eine heterodoxe islamische Gruppe, die etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung ausmacht und die sich staatlicher Missionierung zum sunnitischen Islam ausgesetzt sieht.Ausbildung der Geistlichen ist nahezu unmöglich.

Wie sieht nun das Leben der einzelnen christlichen Minderheiten aus? Das Leben der größten Gruppe, der armenisch-orthodoxen Kirche (zirka 65.000, davon 60.000 in Istanbul) ist noch immer bestimmt durch den in der Türkei nicht aufgearbeiteten Völkermord an den Armeniern. Ein Teufelskreis ist die Rahmenbedingung ihrer Lage: Wird aus Westeuropa der Ruf laut, die Türkei möge sich endlich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen und die offizielle Leugnung des Völkermordes aufgeben, schlagen Wellen der Empörung hoch, die die Alltagssituation der Armenier nicht verbessert.

Ähnlich unangenehm ergeht es den griechisch-orthodoxen Christen. Der Patriarch von Konstantinopel ist nach griechischem Verständnis bereits seit altkirchlicher Zeit das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche, der Papst des Ostens. Diese Funktion wird von der Türkei aber nicht anerkannt, die den Patriarchen lediglich als Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Minderheit anerkennt. Das Problem wird auftauchen, sobald eines Tages ein Nachfolger des jetzigen Patriarchen gewählt werden muß: Nach türkischem Verständnis muß dieser türkischer Staatsbürger sein und seine Ausbildung in der Türkei genossen haben. Da aber die Behörden die theologische Hochschule des Patriarchats, die einzige christliche Hochschule des Landes, bereits 1971 geschlossen haben und trotz starker Proteste daran festhalten, wird die Wahl eines Nachfolgers vor erhebliche Schwierigkeiten gestellt.Die Schließung der Hochschule führt dazu, daß die Ausbildung der Geistlichen nahezu unmöglich geworden ist. Das großzügige Angebot der türkischen Regierung, man könne den theologischen Nachwuchs an staatlichen Universitäten, ähnlich in Deutschland, ausbilden lassen, wurde von den Kirchen abgelehnt.

Nicht ohne Grund: denn während in Deutschland Theologieprofessoren selbst Christen sein müssen, schwebte der türkischen Regierung vor, die angehenden christlichen Geistlichen durch moslemische Professoren zu unterrichten.Ein weiteres Problem: Es gibt starke Berufsbeschränkungen für Ausländer. Ein solches Berufsverbot erstreckt sich auch auf den Beruf des Geistlichen, so daß beispielsweise der Pfarrer der deutschen evangelischen Gemeinde nur mit Diplomatenpaß als Mitarbeiter des Generalkonsulats einreisen kann. Die Tücken dieser Konstruktion sind dann ersichtlich, wenn es um die Einstellung weiterer Mitarbeiter geht. Das ist in der kleinen deutschen Gemeinde noch erträglich - dem orthodoxen Patriarchen, der als Oberhaupt über dreißig Millionen Menschen eine Reihe von Mitarbeitern unterstellt sind, erwachsen aus dieser Vorschrift massive Probleme. Seine Mitarbeiter müssen alle drei Monate aus der Türkei ausreisen und mit einem Touristenvisum einreisen - das kostet Zeit und Geld. Auch der geistliche Nachwuchs kann nicht aus dem Ausland geholt werden - mit erheblichen Kosten müssen also junge Theologiestudenten mit türkischer Staatsangehörigkeit zum Studium ins Ausland geschickt werden, verbunden mit dem Restrisiko, daß diese dann gleich dort bleiben.Alle christlichen Organisationen sind zudem von einem weiteren massiven Problem betroffen. Eine noch unter Atatürk erlassene Regierungsverordnung garantiert zwar Alteigentum an Grundstücken, verbietet aber religiösen Organisationen den Neuerwerb.

Diese Regelung fand bis 1972, also knapp fünfzig Jahre lang, keine Anwendung. Danach wurde sie zur Diskriminierung der Christen hervorgekramt: Wer nicht nachweisen kann, daß seine Kirche auf Grund steht, der bereits vor 1923 erworben war, wird enteignet.Die anhaltenden Diskussionen um den EU-Beitritt der Türkei machen es notwendig, die Situation der Christen in dem vermeintlich laizistischen Land genau zu betrachten. Während von staatlichen Stellen und Menschenrechtsorganisationen der Schwerpunkt auf die Benennung von Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang des Umgangs mit der kurdischen Minderheit oder bezüglich der immer wieder auftauchenden Foltervorwürfe gegenüber der türkischen Polizei gesetzt wird, führt die Situation der Christen in der Türkei ein mediales Schattendasein. Interesse findet das Thema oftmals nur in kleinen kirchlichen und konservativen Kreisen. Zu schnell läuft man in Deutschland Gefahr, sich dem Vorwurf des Fundamentalismus oder der mangelnden Dialogbereitschaft auszusetzen, wenn man nach der Lage der Christen in der Türkei fragt.

Obwohl sich das Messen mit zweierlei Maß im Bereich der Menschenrechte von Grund auf verbieten sollte, sind die Christen in der Türkei beispielsweise neben den Vertriebenen im öffentlichen Diskurs ein gebranntes Kind. Solange aber in Europa weitgehend die Bereitschaft fehlt, die Situation der asiatischen Christen als Problem auch für die Frage eines engeren Verhältnisses der Türkei zum christlichen Abendland wahrzunehmen, steht jeder Dialog auf einem dünnen Fundament. Nichtsdestotrotz darf auch nicht übersehen werden, daß die türkischen Christen große Hoffnungen in einen EU-Beitritt der Türkei setzen, versprechen sie sich doch davon eine Verbesserung ihrer rechtlichen Lage.

Quelle: Junge Freiheit Nr. 37/04 vom 03. September 2004:

P.S. Karsten Jung ist evangelischer Theologe."
http://www.jungefreiheit.de/
24.09. bis 01.10.2006 R E I S E B E R I C H T

Vom 24.09. bis 01.10.2006 fand eine Reise mit Themenschwerpunkt „Menschenrechte und Minderheiten in der Türkei – Entwicklungen im Kontext der Beitrittsverhandlungen zur EU“ in die Türkei statt.

Die fünfzehnköpfige Reisegruppe stand unter der Leitung von Klaus Barwig – Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart – und Dr. Otmar Oehring – Missio Aachen -

http://www.akademie-rs.de/_Reisebericht.pdf

Diözese Rottenburg-Stuttgart – und Dr. Otmar Oehring – 

Missio Aachen -.

 

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